Gefährdung der Tierwelt

Die Konferenz der Umweltminister der Bundesländer hat am 22.05.2015 das sogenannte Neue Helgoländer Papier beschlossen („Abstandsempfehlungen für Windenergieanlagen zu bedeutsamen Vogellebensräumen sowie Brutplätzen ausgewählter Vogelarten“). Hierin werden für Windkraftanlagen (WKA)-sensible Vogelarten einzuhaltende Mindestabstände zu Brutplätzen definiert. Diese sind artenspezifisch festgelegt. Das Helgoländer Papier ist die Richtschnur für das Verwaltungshandeln in Bezug auf WKA und für Gerichtsurteile zu Genehmigungen von WKA.

Durch das Helgoländer Papier halten die Umweltminister fest und belegen anhand weiterführender wissenschaftlicher Studien, dass Windkraftanlagen negative Auswirkungen auf die Population bestimmter Vogelarten haben, da diese Schlagopfer der Windräder werden. In diesem Zusammenhang wird auch darauf hingewiesen, dass der Einsatz höherer Windräder keinen Vorteil bei Thermikseglern und hochfliegenden Arten mit sich bringt. Der Einsatz immer größerer Rotoren wird als nachteilig bewertet, da ein größerer Luftraum durchschnitten wird und somit das Kollisionsrisiko steigt. Es wird darüber hinaus festgehalten, dass die Ansammlung von WKA in einem Lebensraum, die zwar alle einzeln die Mindestabstände einhalten, dennoch zu einer Schädigung der Population der WKA-sensiblen Vogelarten führen kann, da sich die Effekte der Einzelanlagen verstärken.

Im fraglichen Gebiet werden durch Anwohner starke Sichtungen des Rotmilans gemeldet. Der Rotmilan ist ein besonders geschützter Greifvogel. Das Helgoländer Papier führt dazu – unter Verweis auf mehr als zwei Dutzend wissenschaftliche Studien – aus, dass 50% der weltweiten Population des Rotmilans in Deutschland leben, so dass Deutschland eine besondere Rolle beim Schutz dieser Art zukommt. Lebensraum des Rotmilans sind abwechslungsreiche Wald-Offenland-Gebiete mit langen Grenzen zwischen Wald und Offenland. Dabei findet die Jagd im Offenland statt.

Der Rotmilan ist absolut wie relativ die am stärksten mit Windrädern kollidierende Art. Grund ist, dass Balz- und Jagdflüge in der Wirkhöhe der Rotoren (sowohl kleiner wie auch großer Anlagen!) stattfinden. Das Helgoländer Papier konstatiert, dass allein die Verluste aus WKA-Kollisionen die Population gefährden, da zumeist Altvögel Opfer von WKA werden, wodurch auch die Brut geschädigt wird. Zudem ist der Bruterfolg von jungen Brutpaaren weniger ausgeprägt als von alten Brutpaaren. Der Verlust eines Altvogels zieht also weitere Verluste in der Population nach sich.

Studien mittels GPS- und Telemetrie haben gezeigt, dass 60% der Flugbewegungen im Radius von 1,5 km um den Horst sowie 90% der Flugbewegungen im Umkreis von 4 km stattfinden. Daher wird im Neuen Helgoländer Papier der Mindestabstand zwischen WKA und Horst auf 1.500 Meter festgelegt und eine intensive Prüfung der Hauptjagdgebiete empfohlen, wenn ein Windrad im Umkreis von 4 km um einen Horst errichtet werden soll.

Unsere Schlussfolgerungen und Fragen:

  • Wie wird den Belangen des Artenschutzes generell und dem Schutz des Rotmilans im Speziellen Rechnung getragen; gerade weil Anrainer im fraglichen Gebiet immer wieder von Rotmilan-Sichtungen berichten?
  • Wie wird dem Schutz der ebenfalls in der Egestorfer Feldmark jagenden Fledermäuse (die nachweislich durch WKA aufgrund des Barrotraumas geschädigt werden) Genüge getan?
  • Wie wird sichergestellt, dass keine weiteren geschützten Arten durch die WKAs geschädigt werden?
  • Wie wird sichergestellt, dass das artenreiche Deistervorland durch den Bau der WKA nicht zu einem Gebiet mit verarmter Fauna wird?
  • Wurden im RROP 2016 die Belange des Artenschutzes ausreichend berücksichtigt? Ist hier nicht eine Klage der betroffenen Städte und Gemeinden gegen das RROP 2016 erforderlich?

Weiterführende Quellen

Bellebaum, J.; Korner-Nievergelt, F; Dürr, T.; Mammen, U. (2013): Wind turbine fatalities approach a level of concern in a raptor population; in: J. Nature Conserv. 21: 394–400.

Bergen, F. (2001): Untersuchungen zum Einfluss der Errichtung und des Betriebes von Windenergieanlagen auf Vögel im Binnenland. Diss. Univ. Bochum.

Dürr, T. (2009): Zur Gefährdung des Rotmilans Milvus milvus durch Windenergieanlagen in Deutschland; in: Informationsdienst Naturschutz Niedersachsen (29) 3: 185–191.

Dürr, T.; Rasran; L. (2013): Schlagopfer und Gittermasten: Untersuchungen der Fundhäufigkeit, des Brutbestandes und des Bruterfolgs von Greifvögeln in zwei Windparks in Brandenburg; in: Hötker, H.; Krone, O.; Nehls, G. (Hrsg.): Greifvögel und Windkraftanlagen: Problemanalyse und Lösungsvorschläge. Schlussbericht für das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Michael-Otto-Institut im NABU, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, BioConsult SH, Bergenhusen, Berlin, Husum: 287–301.

Joest, R. et al. (2012): Herbstliche Schlafplatzansammlungen von Rot- und Schwarzmilanen am Haarstrang und auf der Paderborner Hochfläche in den Jahren 2009 bis 2012; in: ABU info 33–35: 40–46.

Pfeiffer, T.; Meyburg, B.-U. (2015): GPS tracking of Red Kites (Milvus milvus) reveals fledgling number is negatively correlated with home range size; in: J. Ornithol. 156: 963-975.

Schaub, M. (2012): Spatial distribution of wind turbines is crucial for the survival of raptor populations; in: Biol. Conserv. 155: 111–118.