Gefährdung der Gesundheit

Windkraftanlagen (WKA) verursachen neben dem Schlagschatten, Lichtsignalen und dem hörbaren Schall auch Infraschall. Als Infraschall wird Schall bezeichnet, der unter 20 Hertz liegt und damit für den Menschen nicht hörbar ist. Gleichwohl ist er für den Organismus wahrnehmbar, wobei dies vom Schalldruck (Dezibel) abhängig ist. Er zeichnet sich durch Schallwellen mit großer Länge aus (z.B. 1 Hz ca. 343 Meter Wellenlänge). Deshalb wirken auch übliche Schallschutzmaßnahmen an Gebäuden (übliche Wandstärken, Mehrfachverglasungen etc.) nicht gegen Infraschall.

Infraschall wirkt sich insbesondere aus, wenn der Mensch zur Ruhe kommt (also z.B. schläft). In diesem Zustand der Ruhe des Gehirns registriert das Gehirn dennoch einen Reiz infolge Infraschall, der zu einem Konflikt führt. Dies ist beispielsweise vergleichbar mit der Seekrankheit, bei der das Gehirn einen Zustand der Ruhe (fester Stand an Deck) und gleichzeitig über das Gleichgewichtsorgan die Schwankungen des Schiffes registriert. Die Folge dieser Disharmonie zwischen innerer Ruhe und registrierten Infraschallsignalen sind Schlafstörungen, Konzentrationsschwächen, innere Unruhe, Nervosität, Bluthochdruck etc. (SOPITE-Syndrom). Diese Symptome decken sich mit praktischen Erfahrungen Betroffener (Betroffenheitsrate ca. 20- 25%).

WKA erzeugen Infraschall in Abhängigkeit von Windstärke und Windrichtung durch am Ende der Rotorblätter entstehende Wirbelablösungen sowie weitere Verwirbelungen durch Kanten, Spalten und Verstrebungen. Auch die am Mast vorbeistreichenden Rotorblätter erzeugen tieffrequenten Schall.

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hat in 2004 Ergebnisse der Infraschallmessung an einem Windrad bei Hufe (nördlich von Hannover) veröffentlicht (vgl. Ceranna et al. (2004)). Im Zeitraum von 2006-2016 wurde zudem eine 10-jährige Messreihe zu Windrädern in der Region Bremen erstellt und ausgewertet (vgl. BGR (2016) sowie die dortigen weiterführenden Literaturhinweise). Es wird nachgewiesen, dass der Infraschall einer Anlage mit 1,8 MW erst nach deutlich über 10 Kilometern dem Hintergrundrauschen (das mit 50 Dezibel angegeben wird) entspricht. In 900 Meter Entfernung werden noch Schalldruckwerte von über 90 Dezibel festgestellt. Es wird zudem festgehalten, dass sich die Infraschall-Emission bei einem Windpark um ein Vielfaches erhöht. Zudem wird gezeigt, dass der emittierte Infraschall von der Leistung des Windrads abhängig ist.

In der Forschung ist zwischenzeitlich nachgewiesen, dass sich auch unhörbarer Infraschall auf den Menschen auswirkt (siehe Weichenberger et al. (2017) sowie die dortigen weiterführenden Literaturhinweise). Weichenberger et al. (2017) haben z.B. mittels MRT-Aufnahmen des Gehirns gezeigt, dass Infraschalltöne knapp (2 Dezibel) unterhalb der persönlichen Wahrnehmungsschwelle das Hörzentrum sowie das Emotionszentrum des Gehirns aktivieren. Die Wahrnehmungsschwelle wurde dabei für 12 Hertz mit 80-90 Dezibel festgestellt, was sich mit anderen Studien deckt. Sie schlussfolgern, dass die Aktivierung dieser Hirnareale durch Langzeit-Beschallung mit Infraschall zu körperlichen Beschwerden wie Schlaflosigkeit und Depressionen führen können. Die Forschungsgruppe Infraschall der Universität Mainz um Prof. Dr. Vahl hat darüber hinaus nachgewiesen, dass Infraschall die Herzmuskelfunktion um bis zu 20% reduziert (vgl. Bermeitinger (2018)).

In Dänemark wurde von der Regierung bereits Ende 2013 eine Studie zu gesundheitlichen Auswirkungen von WKA auf den Menschen in Auftrag gegeben. Erste Ergebnisse, die wissenschaftlich hochrangig veröffentlicht werden, erscheinen in 2018 (vgl. dazu Wetzel (2015) und Wetzel (2018)). Die dänischen Studien sind von herausragender Bedeutung, da es in Dänemark ein zentrales Register zur Erfassung von Gesundheitsdaten der Bürger gibt. Dieses Register wird für die wissenschaftlichen Studien zur Gesundheitsgefährdung durch Windenergie ausgewertet.

Eine erste dänische Teilstudie (Poulsen et al. (2018)) hat den Zusammenhang zwischen Herz- und Kreislauferkrankungen und der kurzfristigen Einwirkung von Infra- sowie Hörschall von WKA untersucht. Dazu wurden die Winddaten für alle WKA-Standorte in Dänemark ermittelt und daraus die Belastung mit Infra- und Hörschall der Gebäude im Umfeld ermittelt. Es wurden dann die Gebäude ermittelt, die im Zeitraum zwischen 1982 und 2013 mindestens an zwei Tagen Infra- und Hörschallbelastungen (außen gemessen) von mindestens 30 Dezibel für mindestens eine Stunde hatten. Für die volljährigen Bewohner dieser Gebäude wurden aus den Gesundheitsregistern akute Erkrankungsereignisse (Schlaganfall, Herzinfarkt) der Jahre 1982-2013 herausgefiltert, die zu einem Krankenhausaufenthalt oder zum Tod geführt haben. Die Studie zeigt einen statistisch signifikanten Anstieg des Risikos für Herzinfarkte und Schlaganfälle, wenn die Patienten in den vier Nächten vor dem Ereignis in ihren Wohnungen einem niederfrequenten Schall durch WKA (10-160 Hertz) mit einer Lautstärke von (nur) 10 bis über 15 Dezibel ausgesetzt waren. Mit anderen Worten: Schon geringe nächtliche „Lautstärken“ von niederfrequentem Schall durch WKA in Wohnungen können einen akuten Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen.

Die in 1998 erlassene Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm) berücksichtigt wesentliche Infraschallanteile von 0,1 bis 8 Hz nicht und darüber liegende Infraschallanteile nur teilweise. Die Aussage „Was ich nicht wahrnehme, kann mir nicht schaden“ ist nach den obigen Ausführungen mit den biologischen Gegebenheiten, wie sie bei Infraschall erzeugenden WKA vorliegen, nicht zu vereinbaren. Da herkömmliche Schallschutzmaßnahmen bei Infraschall keine Wirkung entfalten, besteht die einzige Schutzmöglichkeit gegenwärtig darin, die Mindestabstände zur Besiedlung ausreichend groß zu halten. Die sich auf den Immissionsschutz nach der TA Lärm beziehenden Mindestabstände zur Bebauung von 700 – 1000 m sind zu gering, um Anwohner vor einer schädigenden Beeinträchtigung durch Infraschall zu schützen.

Um dem Gesundheitsschutz des Menschen in der Nähe von WKA Rechnung zu tragen, sind in Bayern Mindestabstände zur Wohnbebauung von 10-mal Nabenhöhe der WKA vorgeschrieben. Diese Festlegung ist höchstrichterlich bestätigt.

Unsere Schlussfolgerungen und Fragen:

  • Wie wird angesichts der angeführten wissenschaftlichen Erkenntnisse sichergestellt, dass von den geplanten WKA keine Gesundheitsgefahren für die Einwohner der anliegenden Ortschaften ausgehen (insbesondere weil bisher keine Erkenntnisse über die Infraschall-Emission eines derart hohen Windparks mit 5 Windrädern vorliegen)?
  • Wie wird eine realistische Berechnung der Infraschallwerte sichergestellt?
  • Wie werden realistische Schallberechnungen sichergestellt, da die TA Lärm (Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm) aus 1998 stammt und deren Berechnungsverfahren eher auf Windräder von 50-80 Metern Höhe ausgelegt sind?
  • Im RROP 2016 wird eine Mindestabstandsregel von WKA zur Wohnbebauung von 800m festgelegt. Dabei wird postuliert, diese Abstände seien für „heute übliche Größen von Windenergieanlagen“ ausreichend bemessen (RROP 2016, S. 309), wobei sich keine explizite Höhenangabe findet. Was sind „heute übliche Höhen“?
  • Wie erklärt es sich, dass die hier geplanten WKA in Bayern einen Abstand von ca. 2,4 km (10 mal Höhe) zur Wohnbebauung haben müssen, im Deistervorland aber nur einen Abstand von ca. 1.000 Metern haben sollen? Ist der Bewohner des Deistervorlandes weniger schützenswert als der Bewohner Bayerns?
  • Im RROP 2016 ist vorgesehen, dass eine Höhenbegrenzung im Flächennutzungs- und Bebauungsplan festgelegt werden kann. Werden die betroffenen Städte und Gemeinden zum Zwecke des vorsorglichen Gesundheitsschutzes diese Möglichkeit in Anspruch nehmen?

 

Vorstehend zitierte Quellen

BGR (2016) – Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe: Der unhörbare Lärm von Windkraftanlagen. Abrufbar unter: https://www.bgr.bund.de/DE/Themen/
Erdbeben-Gefaehrdungsanalysen/Seismologie/Kernwaffenteststopp/Projekte/
abgeschlossen/hufe_wka.html?nn=8130568

Bermeitinger, M. (2018): Windkraft – Störsender fürs Herz: Mainzer Forscher untersuchen Folgen des Infraschalls; in Allgemeine Zeitung Mainz vom 05.03.2018. Abrufbar unter: http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/mainz/nachrichten-mainz/stoersender-fuers-herz-muskel-verliert-an-kraft-forscher-der-mainzer-herzchirurgie-untersuchen-folgen-des-infraschalls-durch-windkraftanlagen_18566513.htm.

Ceranna, L.; Hartmann, G.; Henger, M. (2004): Der unhörbare Lärm von Windkraftanlagen – Infraschallmessungen an einem Windrad nördlich von Hannover; Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), Referat B3.11, Seismologie. Abrufbar unter: https://www.bgr.bund.de/DE/Themen/Erdbeben-Gefaehrdungsanalysen/Seismologie/Downloads/infraschall_WKA.pdf?__blob=publicationFile&v=2

Poulsen, Aslak Harbo et al. (2018): Short-term nighttime wind turbine noise and cardiovascular events: A nationwide case-crossover study from Denmark; in: Environment International, 114 (5): 160-166.

Weichenberger M. et al. (2017): Altered cortical and subcortical connectivity due to infrasound administered near the hearing threshold – Evidence from fMRI; in PLoS ONE 12(4): e0174420. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0174420

Wetzel, D. (2015): Macht der Infraschall von Windkraftanlagen krank?; in: Die Welt vom 02.03.2015. Abrufbar unter https://www.welt.de/137970641.

Wetzel, D. (2018): Forscher klären endlich, ob Windkraft krank macht; in: Die Welt vom 26.02.2018. Abrufbar unter https://www.welt.de/173958303.

 

Weiterführende Quellen

Danielsson, A; Landstrom, U. (1985): Blood pressure changes in man during infrasonic exposure. An experimental study; in: Acta Med Scand. 1985; 217(5): 531–535.

Ising, H; Schwarze C (1982): Infraschallwirkungen auf den Menschen; in: Zeitschrift für Lärmbekämpfung 1982; 29: 79-82.

Maschke C. et al. (2006): Tieffrequente Schallbelastung und Schlaf – aktueller Kenntnisstand; in: Deutsche Gesellschaft für Akustik (Hrsg.) Fortschritte der Akustik: Plenarvorträge und Fachbeiträge der 32. Deutschen Jahrestagung für Akustik DAGA 2006. D EGA, Braunschweig.

Møller, H.; Lydolf, M. (2002): A questionnaire survey of complaints of infrasound and low-frequency noise; in: J Low Freq Noise 21(2): 53–63.

Møller, H.; Pedersen, C. S. (2011): Low-frequency noise from large wind turbines; in: The Journal of the Acoustical Society of America, 129(6): 3727-3744.

Müller, W (2017): Beurteilung der Infraschall-Diskussion aus Sicht eines Biologen. Abrufbar unter: https://www.vernunftkraft-odenwald.de/index.php/gesundheitsgefahren/

Persson-Waye, K; Rylander, R (2001): The prevalence of annoyance and effects after long-term exposure to low-frequency noise; in: J Sound Vibr 240: 483–497.

Robert Koch Institut (2007): Infraschall und tieffrequenter Schall – ein Thema für den umweltbezogenen Gesundheitsschutz in Deutschland?; in: Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung und Gesundheitsschutz 50 (2007): 1582–1589.

Schust, M (1997): Biologische Wirkungen von vorwiegend luftgeleitetem Infraschall. Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Wirtschaftsverlag NW.